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Eine mietenpolitische Kunstausstellung in Kreuzberg

‘Kunst und Phantasie gegen Mieterverdrängung’ lautete der Titel der Ausstellung  im Kreuzberger Rathausgebäude, die Ende August  im Rahmen der traditionellen ‘Kiezwoche zwischen dem Kreuzberg und dem Landwehrkanal’ eröffnet wurde. Ein wesentlicher Anstoß für das Projekt ergab sich daraus, dass Kunstschaffende in Gentrifizierungstheorien häufig als Mitvorbereiter von Verdrängungsprozessen eingestuft werden: Sie tragen  angeblich dazu bei, auch wenn das nicht unbedingt bewusst geschieht, bestimmte Viertel besonders interessant zu machen und für den Immobilienmarkt aufzuwerten. Eine solche Zuordnung wollen sich zumindest Teile von ihnen  nicht einfach als passiv Zuschauende bieten lassen, und sie beteiligen sich daher selber am Widerstand gegen die Entwicklung, zumal sie häufig auch persönlich von dramatischen Mietenerhöhungen sowohl für ihre Wohnungen als auch für ihre Ateliers betroffen sind.

Die themenbezogene Ausstellung, die Arbeiten von insgesamt zwölf Personen präsentierte, führte neben dem Begriff ‘Kunst’ ausdrücklich auch das Wort ‘Phantasie’ im Titel, und sie war bewusst ohne Vorgaben für bestimmte Stilrichtungen, Techniken oder künstlerische Medien von der Initiative ‘Kreuzberger Horn’ in Zusammenarbeit mit dem mietenpolitischen Bündnis ‘Wem gehört Kreuzberg?’ organisiert worden. Die Vielfalt der Ausdrucksformen war dann auch ihr besonderes Kennzeichen. Neben Gemälden in Acryl und Aquarellen sowie gezeichneten Karikaturen wurden auch riesige gemalte Stofftransparente, Fotos, Fotokollagen und groß ausgedruckte Verse dargeboten.


Bei all der Vielfalt gab es aber auch wiederum deutliche gemeinsame Elemente. Nahezu alle Arbeiten zogen neben der visuellen Darstellung auch geschriebene Worte heran, um mietenpolitische Botschaften zu vermitteln, und es gab einen starken Hang zu einer ‘Gebrauchskunst’, so etwa bei den gemalten Transparenten, die von vornherein zum Mitführen bei Demonstrationen hergestellt worden waren oder bei Bildern in Verbindung mit konkreten Protestaktionen. So wurde auf einer Collage eine Aktion in einem Brief an die Ziegert-Immobiliengesellschaft angekündigt, und es wurden direkt daneben entsprechende Protestaufkleber mit rückstandsfrei ablösbarem Klebeband und damit ohne Gefahr einer Sachbeschädigung bereit gestellt. Die Künstlerin hatte mit ihrem ehemaligen Atelier in einem Taekker-/Ziegert-Gebäude persönliche Erfahrungen gesammelt. Eine andere Künstlerin zeigte bei der Austellungseröffnung, begleitend zu ihren gemalten Bilder, eine online-versendbare Videoinstallation mit Szenen starker Bedrängung durch die Luxussanierung in dem Haus, in dem sie zur Miete wohnt.


In der Abschlussdiskussion unmittelbar vor dem Ende der Ausstellungszeit wurde angemerkt, dass künstlerisches Schaffen und insbesondere auch große öffentliche Kunstereignisse wie die zurückliegende “7. Berliner Biennale“ in der gegenwärtigen Krisensituation offenbar wieder zunehmend aktuelle politische Themen aufgreifen. Woran liegt es jedoch, so wurde weiter gefragt, dass in den Medien auch von solchen Kritikern, die ein stärkeres politisches Engagement von Kunst durchaus begrüßen, dann doch häufig ein starkes Unbehagen gegenüber den Umsetzungen geäußert worden ist, gegenüber einer gewissen Beliebigkeit, einem aufgesetzt Wirken von Motiven und manchmal einfach hingeknallten Schlagwörtern wie gentrification? Ist der “Kunstbetrieb“ zu sehr isoliert von realen Bewegungen, um Versuche der Verbindung von Kunst und Politik überzeugend in die Wege zu leiten?


Die weitere Überlegung war dann, dass vielleicht der Ansatz dieser Kreuzberger Ausstellung, so klein und spontan sie auch gewesen sein mochte, beispielhaft sein könnte für eine Alternative, bei der das künstlerische Schaffen eng verbunden ist mit persönlicher Betroffenheit und mit  realen Initiativen.
In den drei  Wochen der Präsentation fanden sich zahlreiche interessierte Besucher gerade auch außerhalb des üblichen Kunstpublikums ein, da die Etage mit den Stelltafeln direkt vor dem BVV-Saal und auf dem Wege zum Bürgerbüro sowie zur öffentlich zugänglichen Kantine liegt. Es soll versucht werden, die Ausstellung noch an weiteren Orten zu zeigen, wenn möglich auch im Rathaus eines anderen Bezirks, und es soll zu einer noch größeren künstlerischen Beteiligung daran aufgerufen werden.
Jürgen Enkemann