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Wir erklären uns in der aktuellen Diskussion solidarisch mit Andrej Holm

Offener Brief an den Berliner Senat und die Regierungsfraktionen
Wir erklären uns in der aktuellen Diskussion solidarisch mit Andrej Holm.
Andrej Holm hat sich nicht allein als Stadtsoziologe und Gentrifizierungskritiker einen Namen gemacht. Was aber schon auf diesem Feld einem Wissenschaftler passieren kann, der in seinen Texten bereits früh das Wort „Gentrification“ verwendete, durfte er vor Jahren in der Untersuchungshaft auskosten, welche die Generalbundesanwaltschaft verfügte, bis die Absurdität des Terrorismusverdachts so offenkundig wurde, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt werden musste. Die überwältigende Solidarität, die er damals in der sonst so ängstlichen Wissenschaftler-Community erfuhr, hätte viele damals schweigsame Ex-DDR-Oppositionelle beschämen sollen. Man wusste: Es bleibt immer etwas hängen: Wenn schon nicht Terrorist, dann wenigstens Linksextrem ist. Mutmaßlich. Man nimmt es nicht so genau.
Umso genauer wird jetzt medial und kampagnenhaft das Diskreditierungspotential ausgemessen, welches die jugendliche Fehlentscheidung Andrej Holms für seine Grundausbildung im Wachregiment Feliks Dzierzynski Ende 1989 und seinen kurzen Stasi-Dienst bis Januar 1990 birgt, die er bereits vor Jahren öffentlich machte. Und dann auch noch seine Neigung zu der Nachwende-Haus-Instandbesetzer-Szene. Dies und seine Arbeit als Wissenschaftler im erweiterten Deutschland sind alles andere als DDR-affin. Aber eben auch unvereinbar mit gewissen neu-deutschen Zuständen.
Die Aufregung ist begreiflich: Denn – wie gesagt – nicht nur als Wissenschaftler erwies er sich als parteilich, sondern auch als Kritiker der bisherigen desaströsen Berliner Wohnungspolitik, welche die PDS zu Zeiten der Berliner „rot-roten“ Koalition mit ihrer Zustimmung zur Privatisierung landeseigenen Wohnraums mitverantwortete. Umso erfreulicher, dass die Linkspartei jetzt mit der Nominierung Andrej Holms als Staatssekretär implizit Selbstkritik übt.
Und Holm erscheint gewissen Leuten als sehr bedrohlich: Nicht als vermeintlicher 19-jähriger „Stasi-Scherge“, dessen Kainsmal jede Betrachtung seines erwachsenen Lebenswegs erübrigt, sondern als Wohnungspolitiker, dem tatsächlich zuzutrauen ist, den Immobilienhaien und ihren wohnungspolitischen Handlangern ernsthaft das Geschäft zu verderben oder wenigstens zu erschweren. Und so erklärt sich auch die Intensität, mit der ein identifizierbarer Kreis von Journalisten und Agitatoren an Holms Demontage arbeitet. Das nachvollziehbare Misstrauen vieler ehemaliger Opfer der Stasi und von ehemaligen Widerständlern gegen das SED-Regime angesichts der atemberaubenden anpassungsfreudigen Karriere vieler früherer Angehöriger der DDR-Funktionselite im vereinigten Deutschland wird im Fall Holm ganz offensichtlich interessengeleitet instrumentalisiert. Denn Holm ist alles andere als ein dienstbeflissener Kopflanger der herrschenden Gestalter deutscher Normalzustände.
Wir solidarisieren uns mit Andrej Holm, der aufrichtig und offen mit seiner Geschichte und der dieses Landes umgeht, und der engagiert die Politik in dieser Stadt mitgestaltet.
Berlin, den 20.12.2016
Thomas Klein, Historiker, ehem. Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Judith Braband, Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Lavern Wolfram, Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Anna Stiede, Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Selana Tzschiesche, Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Tobias Baur, Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Dirk Wassersleben, Mitglied des Kuratoriums Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Heidemarie Kruschwitz, Vorstand der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte
Rainer Wahls, Vorstand der Stiftung Haus der Demokratie und Menschenrechte